Manchmal kommt alles anders….

Wenige Wochen nach dem ersten Geburtstag meines 2. Kindes habe ich einen positiven Schwangerschaftstest gemacht. Ungeplant. Ich war derzeit mit meinen ein und drei Jahre alten Kindern gut beschäftigt und konnte mir ein drittes Kind überhaupt nicht vorstellen. Ich brach in Tränen aus.

Wie sollte ich das schaffen?

Der Geburtstermin wurde Ende November, einige Tage nach dem vierten Geburtstag meines Sohnes berechnet. Mein Mann freute sich sofort auf das Baby, ich brauchte lange, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte, konnte mich dann aber auch sehr freuen. Wird schon irgendwie klappen mit drei Kindern. Wie auch schon die ersten beiden Schwangerschaften verlief diese problemlos. Ende Juli hatten wir einen Umzug geplant. In dieser Zeit habe ich dem Baby im Bauch – ein Mädchen sollte es werden – wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zu sehr war ich mit Kisten packen beschäftigt. Fast hätte ich den Vorsorgetermin vergessen. Am Abend vorher spürte ich mein Kind nicht, habe mir aber keine weiteren Gedanken gemacht. Was sollte schon sein in der 24. SSW?

Kommt schon mal vor, dass man das Kind weniger spürt.

Es war der 1. August 2018 gegen 10 Uhr vormittags. Ich äußerte meiner Frauenärztin gegenüber, dass ich das Kind weniger spürte. Bei der Untersuchung mit dem Ultraschall ahnte ich schon was passiert war – ich sah keinen Herzschlag, und das war sonst das erste was man sehen konnte. Im gleichen Moment sagte meine Frauenärztin mit ernstem Gesicht zu mir: „Frau XX, da stimmt was nicht, ich kann keinen Herzschlag erkennen.“ Ich wurde panisch. Das Herz hat aufgehört zu schlagen. Mein erster Gedanke war: Ich habe mich mit dem Umzug übernommen. Ich brach in Tränen aus, fragte meine Frauenärztin, ob das der Grund sein kann. Sie verneinte, das halte ein Kind in der 24. SSW aus. Die Nabelschnur um den Hals gewickelt oder eine Entzündung könnte ein Grund sein. Ich rief mein Mann an, der sofort da war. Die Ärztin erklärte uns was nun folgen sollte.

Ich musste das Kind zur Welt bringen. Kein Kaiserschnitt. Eine ganz normale Geburt und doch ganz anders.

Die Einleitung könnte bis zu zwei Tagen dauern. Da wollten wir in den Urlaub fahren. Wir fuhren nach Hause, klärten, wo die beiden Kinder bleiben sollten, packten wenige Dinge zusammen und fuhren gegen 12 in die Klinik. Dort wurde ich ein weiteres Mal beschallt. Ein Funken Hoffnung war noch in mir, vielleicht war es doch eine Fehldiagnose. Aber leider konnte man ein weiteres Mal keinen Herzschlag finden. Der Arzt empfahl uns nach Hause zu gehen und am nächsten Morgen zur Einleitung zu kommen. Damit wir uns besser darauf einstellen könnten. Für mich war die Vorstellung schrecklich.

Eine weitere Nacht mit totem Kind im Bauch.

Ich hätte kein Auge zu getan. Wir blieben also, um die Einleitung zu beginnen. Es dauerte bis ca 15 Uhr, bis ich die erste Vaginaltablette bekam. Mein Mann ging für kurze Zeit zu den Kindern nach Hause. In dieser Zeit besuchte mich eine Seelsorgerin, der ich all meine Gedanken und meine Geschichte erzählte. Monate später bekam ich noch Post von ihr, sie hatte uns nicht vergessen. Obwohl sie doch so viele Menschen betreut. Zwei Stunden vergingen nachdem die erste Tablette gegeben wurde, bis ich ein erstes Ziehen im Rücken und in den Beinen spürte. Ich musste einfach immer wieder heulen und hatte große Angst vor der Geburt. Ich hatte ja schon zwei Geburten erlebt, bei denen ich keine Angst spürte. Wir konnten es einfach nicht glauben. So sehr hatten wir uns gefreut. Als die Wehen stärker wurden, fragte ich mich warum ich dadurch musste. Meine Kräfte schwanden. Der psychische Druck, der auf mir lastete und die körperlichen Schmerzen dazu.

Die Motivation, alles zu ertragen und danach ein lebendes Kind im Arm zu halten, gab es nicht.

Mein Mann stützte mich, versuchte mich zu motivieren, obwohl er selbst am Ende war. Immer wieder versuchten wir eine kleine Runde zu gehen, um den Muttermund weiter zu öffnen. Doch ich kam nicht weit. War zu schwach. Mir war kalt, obwohl es draußen sehr heiß war. Gegen 19.30Uhr hielt ich es nicht mehr aus und verlangte bei der Hebamme ein Schmerzmittel. Das wurde mir schon im Vorgespräch angeboten. Dem Baby konnte es nicht mehr schaden. Es half kaum. Der Muttermund war erst bei 5/6 cm. Plötzlich spürte ich einen starken Druck und Drang zur Toilette. Diese war zum Glück mit unserem Zimmer verbunden. Mein Mann wartete an der Tür. Auf der Toilette spürte ich, dass der Druck das Baby ist und nun kommen wird. Ich schrie nur: „Das Baby kommt“ und intuitiv hielt ich meine Hände zwischen die Beine.

Schon hielt ich sie in meinen Händen

Meine Carla

Ich war vollkommen im Schock. So schnell hatte ich nicht damit gerechnet. Ich kam nicht einmal auf die Idee, sie zu mir hoch zu nehmen. War einfach nur froh, sie nicht in die Toilette geboren zu haben. Mein Mann war sofort bei mir und auch die Hebamme und Ärzte waren kurz darauf da. Sie haben mir die Kleine abgenommen und mich auf eine Liege gelegt, um auf die Nachgeburt zu warten. Nachdem sie abgenabelt war, haben sie Carla gleich mitgenommen und mich versorgt. An ihrem Äußeren und an der Plazenta konnte man keinen Fehler erkennen. Immer noch habe ich nicht ganz begriffen was passiert war. Ich wurde zurück ins Zimmer gebracht und kurze Zeit später wurden wir gefragt, ob wir unsere Tochter sehen wollten. Wir bejahten und gleich wurde sie uns gebracht.

„Sie haben eine wunderschöne Tochter“

dieser Satz der Hebamme liegt mir noch heute in den Ohren. Sie lag in einem Körbchen in Tücher eingewickelt. Als wir allein mit ihr waren, schauten wir sie genau an, nahmen sie auf den Arm. 24 cm und 610 gr. Sie war wirklich wunderschön, keine Makel. Sah einfach aus wie ein sehr kleines Baby. Kennenlernen und Abschied nehmen. Warum durfte sie nicht leben? Diese Frage stelle ich mir heute noch oft. Eine Obduktion hatten wir schon von Beginn an ausgeschlossen. Den Gedanken daran fanden wir schrecklich. So verbrachten wir einige Zeit mit ihr, bis wir uns von ihr verabschiedet hatten. Wir hätten sie am nächsten Tag noch einmal sehen dürfen, wollten sie aber so schön und unverändert in Erinnerung behalten. Kurz darauf wurde ich schon für die Ausschabung vorbereitet. Diese verlief problemlos, sollte aber über Nacht in der Klinik bleiben. Am nächsten Morgen organisierte mein Mann gleich die Beerdigung, welche am darauffolgenden Tag im kleinsten Kreis stattfand. Den restlichen Umzug übernahmen Verwandte und Freunde für uns. Wir waren nicht in der Lage irgendetwas zu tun. Ein Tag nach der Beerdigung fuhren wir in den Urlaub. Dieser war genau richtig für uns. Raus aus dem Umzugschaos. Dafür hatten wir in diesem Moment keinen Kopf.

Das Gefühlschaos nahmen wir mit. Nur kein Baby im Bauch mehr.