Nasen- vs. Mundatmung – und der Zusammenhang mit dem Zungenband
Warum der Mensch physiologisch ein Nasenatmer ist
Die menschliche Atmung ist von Natur aus auf die Nasenatmung ausgelegt. Die Nase erfüllt dabei weit mehr als nur die Funktion eines Atemkanals. Sie filtert eingeatmete Luft, erwärmt und befeuchtet sie und schützt so die tieferen Atemwege vor Schadstoffen, Krankheitserregern und Austrocknung. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem, dass die Nasenschleimhaut über ein eigenes Mikrobiom verfügt, das bereits beim Einströmen der Luft eine immunologische Schutzfunktion übernimmt.
Darüber hinaus beeinflusst die Nasenatmung die Atemtiefe, die Sauerstoffaufnahme, die Aktivität des Zwerchfells und die Regulation des vegetativen Nervensystems. Eine ruhige, regelmäßige Nasenatmung fördert damit nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch Konzentration, Schlafqualität und Regenerationsfähigkeit.
Mundatmung – ein funktionelles Warnsignal
Im Gegensatz dazu stellt die Mundatmung keinen physiologischen Normalzustand dar, sondern ist in den meisten Fällen Ausdruck einer funktionellen Störung oder einer anatomischen Einschränkung. Atmung durch den Mund umgeht die Filter-, Befeuchtungs- und Schutzfunktion der Nase vollständig. Die Atemluft gelangt ungefiltert, kälter und trockener in die unteren Atemwege.
Langfristig kann dies weitreichende Folgen haben – nicht nur für die Atemwege, sondern für den gesamten Organismus.
Auswirkungen der Mundatmung auf Gesundheit und Entwicklung
Eine dauerhaft offene Mundhaltung und vorwiegende Mundatmung können zahlreiche funktionelle und strukturelle Veränderungen begünstigen. Besonders häufig zeigen sich:
Erhöhtes Infektionsrisiko durch fehlende Filterung der Atemluft
Chronische Mundtrockenheit, erhöhte Kariesneigung und Zahnfleischentzündungen
Schnarchen, unruhiger Schlaf und nächtliche Atemstörungen bis hin zu Schlafapnoe
Beeinträchtigte Sauerstoffversorgung des Gehirns
Reduzierte Konzentrations-, Lern- und Gedächtnisleistung
Studien zeigen, dass Mundatmung die Aktivität bestimmter Gehirnwellen reduziert, die für Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnisbildung wichtig sind. Gleichzeitig kann die Sauerstoffversorgung des Gehirns sinken, was sich negativ auf kognitive Leistungsfähigkeit und Tageswachheit auswirkt.
Bei Kindern kommen weitere Entwicklungsaspekte hinzu. Mundatmung kann zu dentofazialen Fehlentwicklungen führen und das Wachstum von Kiefer, Mittelgesicht und Zahnstellung nachhaltig beeinflussen. Häufig treten zudem Sprachentwicklungsstörungen, veränderte Schluckmuster und eine insgesamt verzögerte körperliche Entwicklung auf.
Die Zunge als Schlüsselstruktur für die Atemfunktion
Eine zentrale Rolle im Zusammenspiel von Atmung, Kieferentwicklung und Gesichtsform spielt die Zunge. In ihrer physiologischen Ruhelage liegt sie entspannt am Gaumen, mit breitem Kontakt zum harten Gaumen und leichter Aktivierung der Zungenmuskulatur. Diese Position stabilisiert den Oberkiefer, fördert die Weite des Gaumens und unterstützt die freie Nasenatmung.
Die Zunge wirkt dabei als „Architektin“ des Mittelgesichts. Nach dem Prinzip „Form follows Function“ formt ihre kontinuierliche Druck- und Haltefunktion den Gaumen in die Breite und Tiefe. Ein ausreichend breiter, flacher Gaumen schafft wiederum Raum für die Nasenhöhlen und Nebenhöhlen und begünstigt eine freie Nasenatmung.
Das zu kurze Zungenband als Ursache einer offenen Mundhaltung
Ist das Zungenband in seiner Länge oder Elastizität eingeschränkt, kann die Zunge ihre natürliche Ruhelage am Gaumen häufig nicht einnehmen. Stattdessen verbleibt sie tief im Mundboden. Dadurch fehlt die wichtige formende Kraft auf den Oberkiefer, und die Zunge kann ihre stabilisierende Funktion für den oberen Atemweg nicht erfüllen.
In der Folge entwickelt sich der Gaumen häufig schmaler und höher. Die Nasenhöhlen und Nebenhöhlen erhalten weniger Raum, der Luftdurchfluss durch die Nase wird eingeschränkt. Gleichzeitig fällt es Betroffenen schwer, den Mund entspannt geschlossen zu halten. Es entsteht eine offene Mundhaltung, die die Mundatmung begünstigt oder sogar notwendig macht.
Typische Zusammenhänge sind:
Tiefe Zungenruhelage durch eingeschränkte Zungenbeweglichkeit
Schmaler, hoher Gaumen mit reduzierter Nasenraumweite
Offene Mundhaltung in Ruhe und im Schlaf
Verlagerung der Atmung vom Nasen- zum Mundweg
Folgen für Rachenmandeln, Polypen und Atemwege
Wenn die Nasenatmung dauerhaft eingeschränkt ist, übernehmen andere Strukturen teilweise die Filterfunktion der Nase. Besonders Rachenmandeln und lymphatisches Gewebe im Nasen-Rachen-Raum reagieren häufig mit Vergrößerung. Polypen und vergrößerte Mandeln entstehen nicht selten als Kompensationsmechanismus.
Diese Veränderungen können die Nasenatmung weiter behindern und einen Teufelskreis aus Mundatmung, Infektanfälligkeit, Schnarchen und Schlafstörungen verstärken.
Einfluss auf Gesichtsentwicklung und Gesichtsprofil
Die dauerhaft offene Mundhaltung wirkt sich nicht nur funktionell, sondern auch strukturell auf das Wachstum des Gesichts aus. Fehlt der formende Einfluss der Zunge am Gaumen, entwickelt sich der Oberkiefer häufig schmaler, das Gaumendach wird hochgezogen und das Mittelgesicht sinkt tendenziell ab.
Langfristig können sich folgende Veränderungen zeigen:
Schmales, hohes Gaumendach
Schmaler Oberkiefer mit Engständen der Zähne
Verlängertes, schmaleres Gesichtsprofil
Rückverlagerung des Mittelgesichts
Prominenter wirkende Nase, schmalere Lippen
Diese Veränderungen betreffen nicht nur Kinder, sondern können auch im Erwachsenenalter funktionell relevant bleiben, etwa in Form von Atemproblemen, Kieferfehlfunktionen oder Schlafstörungen.
Das zu kurze Zungenband bei Kindern und Erwachsenen
Ein verkürztes Zungenband betrifft nicht ausschließlich Säuglinge oder Kinder. Auch bei Erwachsenen kann die Zungenbeweglichkeit so eingeschränkt sein, dass die Zunge ihre physiologische Ruhelage nicht einnehmen kann. Die Folgen zeigen sich dann häufig in Form von:
Chronischer Mundatmung
Schnarchen oder nicht erholsamem Schlaf
Tagesmüdigkeit und Konzentrationsproblemen
Wiederkehrenden Infekten
Kopfschmerzen und Nackenverspannungen
In vielen Fällen bleibt die eigentliche Ursache lange unentdeckt, da die Aufmerksamkeit vor allem auf die Symptome gerichtet ist.
Sublinguale Faszienplastik – notwendiger Schritt, aber kein alleiniger Lösungsweg
Wird ein zu kurzes Zungenband diagnostiziert, kann eine Frenotomie oder Frenektomie die anatomische Voraussetzung für eine verbesserte Zungenbeweglichkeit schaffen. Allein durch die operative Durchtrennung stellt sich jedoch die Nasenatmung in der Regel nicht automatisch ein.
Bestehende Atemmuster, Haltungsgewohnheiten und muskuläre Spannungen sind häufig über viele Jahre erlernt und stabilisiert worden. Ohne gezielte Nachbehandlung bleibt die Zunge oft weiterhin in ihrer tiefen Lage, und die Mundatmung besteht fort.
Für eine nachhaltige Umstellung von Mund- auf Nasenatmung ist eine begleitende funktionelle Therapie entscheidend. Ziel ist es, die Zungenruhelage neu zu etablieren, die Nasenatmung zu fördern und alte kompensatorische Muster schrittweise aufzulösen.
Inhaltsverzeichnis
- Warum der Mensch Nasenatmer ist
- Mundatmung – ein Warnsignal
- Auswirkungen der Mundatmung
- Die Zunge als Schlüsselstruktur
- Das zu kurze Zungenband als Ursache einer offenen Mundhaltung
- Folgen für Rachenmandeln, Polypen und Atemwege
- Einfluss auf Gesichtsentwicklung und Gesichtsprofil
- Das zu kurze Zungenband bei Kindern und Erwachsenen
- Sublinguale Faszienplastik