Stillen

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Stillen

Stillen – Wissen, Fakten, Praxis

Jedes Jahr Anfang August findet die Weltstillwoche statt, jedes Jahr unter einem anderen Motto. 2020 hieß es:
„Support Breastfeeding – for a healthier planet“

Ich habe euch hierzu mal die Fakten zusammen gefasst.

 

Vorteile des Stillens

Das Stillen bietet nicht nur etliche Vorteile für Mama und Baby, sondern auch für unsere Gesellschaft und Umwelt. Deswegen starten wir erstmal mit den Fakten

Gesundheitliche Vorteile des Stillens für dein Baby:

Dein gestilltes Baby hat ein geringeres Risiko an folgenden Krankheiten zu erkranken

  • Asthma
  • Allergien
  • Diabetes
  • Adipositas (Übergewicht)
  • Mittelohrentzündungen, da es die Kau- und Sprechmuskeln stärkt
  • Magen-Darm-Infektionen
  • Leukämie

Gesundheitliche Vorteile für dich als stillende Mama:

  • Schnellere Rückbildung der Gebärmutter
  • Geringeres Risiko für Brust-/ Eierstockkrebs
  • Erleichterte Gewichtsabnahme nach Geburt
  • Geringeres Risiko für postpartale Depression

Weitere Vorteile für dein Baby

  • Stillen löscht den Durst und sättigt den Hunger
  • Stillen löst Stress
  • Stillen tröstet, spendet Nähe und ermöglicht Augenkontakt
  • Stillen stärkt das Immunsystem (besonders hoch sind die Abwehrstoffe in Muttermilch nach knapp 2 Jahren)
  • Stillen führt zur schnellerer Genesung nach Krankheiten

Weitere Vorteile für dich als stillende Mama:

  • Stillen entspannt dich & macht dich geduldiger durch Ausschüttung von Hormonen
  • Stillen ist besonders unterwegs praktisch
  • Deine Milch ist jederzeit einsatzbereit
  • Stillen hilft beim Wiedereinschlafen – auch Dir
  • Stillen kann die Periode nach Geburt verzögern

Vorteile des Stillens aus ökologischer Sicht.

Muttermilch…

  • …hat keine langen Transportwege
  • …verbraucht keine (knappen) Ressourcen
  • …ist ein 100% nachwachsender Rohstoff
  • …kommt „im Anbau“ ohne Pestizide und Schadstoffe aus
  • …ist jederzeit verfügbar
  • …ist zu 100% natürlich verpackt
  • …muss nicht abgefüllt werden, Reinigungsprozesse werden gespart

 

Wie können wir gut in unsere Stillbeziehung starten?

 

Ein guter Start beim Stillen ist maßgeblich mitverantwortlich für deine Stilldauer & euren Erfolg beim Stillen. Daher ist es wichtig, sich schon während der Schwangerschaft mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Je informierter du bist, desto leichter wird es dir gelingen, dein Baby zu stillen. Gleichzeitig darfst du auch auf deine Intuition vertrauen.
Je leichter und natürlicher die Geburt abläuft, desto leichter fällt auch das Stillen. Bereite dich daher auch gut auf die Geburt vor. Verzichte, wenn medizinisch nicht dringend erforderlich, auf jegliche Interventionen. Doch natürlich kannst du auch nach einer schwierigen Geburt oder einem Kaiserschnitt stillen. Eine gute Unterstützung von deiner Hebamme oder sogar einer Stillberaterin direkt am Anfang ist sehr hilfreich und nützlich.
Nach der Geburt, egal wie sie verlief, sollte dein gesundes Baby sofort im Hautkontakt zu dir auf den Bauch gelegt werden. Das Bonding hilft euch, euch direkt kennen zu lernen & die Strapazen, die hinter euch liegen, zu vergessen. Selbst im OP nach Kaiserschnitt ist das direkte Bonding möglich und erst recht wichtig! Sprich das gern vorher mit dem Personal ab. Bei deinem Baby werden so allerlei Reflexe aktiviert und es fängt an, sich selbstständig zur Brust zu robben, das nennt man „breastcrawl“. Dabei hilft es ihm, den Geruch seiner Hände geprägt vom Fruchtwasser, mit dem Geruch deiner Haut zu vergleichen. Auf ausgiebiges Säubern des Babys nach Geburt darf aus dieser Sicht also gern verzichtet werden. Deine Brustwarze riecht nämlich ganz ähnlich wie dein Fruchtwasser. Außerdem hat deine Mamille sich schon während der Schwangerschaft vergrößert und verdunkelt, so dass sie für dein Baby optisch sofort erkennbar ist. Es wird sich mit seinen Beinchen an deinem Bauch abstoßen und sich Stück für Stück wie ein kleiner Specht an die Brust vorarbeiten. Dort angekommen benötigt es im besten Fall keinerlei Unterstützung, sondern kann sich selbst andocken. Es erfordert allerdings Geduld und Zeit von allen an der Geburt beteiligten Personen, diesen wundervollen Prozess ungestört zu begleiten und zu beobachten. Er sollte nicht durch vermeintliche Routineabläufe gestört werden. Die U1 Untersuchung kann auf deinem Bauch stattfinden und das Wiegen und Messen deines Babys haben noch Zeit!
Auch in den nächsten Tagen und Wochen nach Geburt darfst du so häufig wie möglich Haut auf Haut mit deinem Baby kuscheln. Besonders nach traumatischen Geburten kann euch dieser Hautkontakt helfen, eine gute Bindung zu einander aufzubauen.

Wie dockt sich das Baby korrekt an?

 

Auch wenn vieles Intuitiv am besten klappt, ein paar Tipps &“Regeln“ zum richtigen Anlegen deines Babys gibt es. Diese sind wichtig, denn damit ersparst du dir Schmerzen beim Stillen, wunde Brustwarzen & Verspannungen und deinem Baby Frust beim Saugen.

  • Lehn dich entspannt zurück. Nimm dein Kind zur Brust, NICHT die Brust zum Kind
    • Entspann deine Schultern, lass locker. Unterlager deine Arme, deinen Rücken & gern auch deine Beine mit Kissen und Hilfsmitteln, so dass du jederzeit entspannt sitzen/liegen kannst
    • Um deinem Baby zu helfen, kannst du die Brust im C-Griff halten, dabei sind deine Finger weit hinter dem Vorhof
    • Dein Baby liegt in Bauchlage auf deinem Körper, sein Gewicht lastet auf dir und wird von deinem Arm unterstützt. Auch die Füßchen dürfen Kontakt haben, entweder zu dir oder einem Kissen. Den Kopf kann dein Baby jederzeit frei bewegen.
    • Die Arme deines Babys sind angewinkelt nach oben, neben seinem Köpfchen. So kann es sich gut auf dir aufstützen. Es umarmt deine Brust. Du wirst erstaunt sein, welche Kraft dein kleines Baby schon aufbringen kann, um den Kopf zu heben und zu halten und sich anzudocken.
    • Beobachte dein Kind nun erst eine Weile und schau, ob seine Reflexe ausgelöst werden. Es fängt an zu suchen, nimmt den Kopf in den Nacken und öffnet den Mund weit.
    • Um dein Baby etwas mehr anzuregen, kannst du mit der Brustwarze seine Nasenspitze und Lippen von oben nach unten etwas kitzeln
    • Bei weit geöffnetem Mund sollte dein Baby VIEL Brust in den Mund nehmen. Nicht nur die Brustwarze, auch der Vorhof verschwindet im Mund deines Kindes
    • Kinn und Nasenspitze berühren die Brust während des Stillens
    • Beide Lippen sind nach außen gestülpt. Sollte das nicht der Fall sein, lass dein Baby erneut andocken oder zieh die Lippen vorsichtig mit deinem Finger während des Saugvorgangs nach außen
    • Dein Baby beginnt nun mit dem non-nutritiven Saugen -> kurze kleine Saugbewegungen, um den Milchspendereflex auszulösen.
    • Fließt die Milch, kommt dein Baby ins Schlucken und macht lange, kräftigere Saugbewegungen, bei denen der gesamte Unterkiefer bis zum Ohrläppchen in Bewegung ist
    • Es kann beim Ansaugen kurz weh tun, da dein Baby deine Warze über den harten zum weichen Gaumen zieht. Nach wenigen Zügen sollte der Schmerz aber nachlassen, ansonsten ist dein Kind nicht richtig angedockt

Woran erkenne ich, ob mein Baby Hunger hat?

 

Dein Baby zeigt dir sehr genau, wann es Hunger hat. Es ist wichtig, dass du dazu die Hungerzeichen deines Babys erkennst und schnell reagierst, so kannst du euch beiden Stress und Hektik ersparen.

Ein Neugeborenes hat meist nach einer längeren Schlafphase direkt wieder Hunger. Daher kannst du dich schon beim Aufwachen deines Kindes startklar machen. Dein Baby wird aus dem Tiefschlaf wach und fängt an, die Augen schnell unter den noch geschlossenen Lidern zu bewegen oder mit den Augenlidern zu zucken. Warte noch kurz ab, ob es nur träumt und nochmal tief einschläft oder aufwacht und schmatzende Geräusche mit Zunge und Lippen macht.
Wird dein Kind nun wach und spürt vermehrt Hunger wird es dir aktive Hungerzeichen zeigen:

  • Es schleckt mit der Zunge über die Lippen, schmatzt und öffnet den Mund immer wieder
  • Es dreht den Kopf von einer zur anderen Seite, auf der Suche nach der Brust
  • Hände/Finger wandern in den Mund
  • Zunehmende Unruhe

Jetzt ist es Zeit anzudocken.

Wartest du noch länger, kommt es zu den späten Hungerzeichen, die dein Kind bereits in Stress und Anspannung versetzen:

  • Es ist sehr unruhig und zappelig
  • Seine Atemfrequenz und der Puls steigen
  • Es weint oder schreit

Dein Kind in dieser Phase an die Brust zu bekommen, wird schwierig, da es zu aufgebracht ist. Du solltest es erst einmal beruhigen, ggf. am Finger kurz saugen lassen, damit es sich nicht hektisch an der Brust verschluckt. Jedoch die Mahlzeit nicht unnötig weiter länger herauszögern.

In den ersten Tagen ist es wichtig, dass du die Anzahl der Stillmahlzeiten im Blick behältst. Mindestens 8-12x in 24 Stunden sollte dein Baby trinken. Manche Babys müssen hierzu unter Umständen geweckt werden, weil sie zu wenig Energie haben, um wach zu werden und ihren Hunger zu zeigen. Ansonsten achte immer auf die oben genannten Anzeichen und halte keinesfalls erzwungene längere Pausen ein, um einen 3-4 stündigen Stillzyklus künstlich zu erzeugen. Stillen erfolgt immer nach Bedarf, von Mutter und Baby! Hat sich das Stillen gut eingependelt, spielt die Uhrzeit oder die Abstände der Mahlzeiten keine Rolle mehr. Dein Kind zeigt dir, wenn es Hunger hat oder du spürst, dass deine Brust sehr voll ist und entlastet werden möchte.

Wie lange sollte ich stillen?

Die WHO empfiehlt das volle Stillen für 6 Monate und eine Stilldauer bis ins zweite Lebensjahr oder darüber hinaus. Einen definierten Abstillzeitpunkt gibt es nicht.
Die Beikost macht im zweiten Lebenshalbjahr nur einen geringen Teil der Kalorien und Nährstoffzufuhr aus. Die Muttermilch deckt im 2. Lebenshalbjahr deines Kindes noch die Hälfte des täglichen Kalorienbedarfs. Fest steht, dass auch nach dem 1. Geburtstag dein Kind enorm von deiner Milch profitiert. Erst recht, wenn du wieder arbeiten gehen möchtest oder dein Kind in eine Fremdbetreuung kommt, kann euch beiden die gemeinsame Zeit beim Stillen enorm guttun und deinem Kind einen extra Energiebooster mitgeben, wenn es plötzlich vielen Keimen ausgesetzt ist.
Im Alter von 18 Monaten werden immer noch 29% des täglichen Kalorienbedarfs über deine Muttermilch gedeckt
Beikost ist dann natürlich relevant, um z.B. den Bedarf an Eisen, Zink, Vitamin B und D zu decken. Muttermilch bleibt aber immer noch Hauptlieferant für Proteine, Vitamin C, Vitamin A, Folat, VitaminB12. Nach 23 Monaten hat deine Milch den höchsten Gehalt an Abwehrstoffen, sogenannten Immunglobulinen. Das natürliche selbstbestimmte Abstillalter eines Kindes liegt übrigens zwischen 2 und 7 Jahren. Im Säugetierreich wird bis zum Zahnwechsel gestillt, nicht umsonst heißen die Zähne Milchzähne.

Wann du dein Baby letztlich abstillst, ist eure Entscheidung. Es muss sich für euch beide stimmig anfühlen, gemeinsam findet ihr den richtigen Weg.

 

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